Traum und Schicksal: Was ich beim Schreiben gelernt habe
Über die Kunstmalerinnen-Szene in Paris
Beim größten Teil meiner Leserschaft gilt es als eins meiner Gütesiegel, dass ich besonders gut und intensiv recherchiere. Das habe ich selbstverständlich auch über die Kunstmalerszene in Montmartre und darüber hinaus sowie die damals bekannteste Kunstausstellung der Welt, den Pariser Salon, getan.
Dennoch ist mir in der Literatur zunächst als einzige, später bekannte Malerin Suzanne Valadon begegnet. Dass es, wenn auch nicht in Montmartre, sondern im Stadtteil Montparnasse, zur Zeit, in der Band 1 spielt, auch schon eine weit über Paris hinaus bekannte Künstlerinnen-Szene gab, wurde in keiner dieser Quellen erwähnt!!!
Darauf stieß ich nur per Zufall, als ich im Oktober 2024 (da war Band 1 fast fertig) eine Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum über weibliche Künstlerinnen in den späten Jahrzehnten des 19. Jhs besuchte. Der Ausstellungskatalog war eine ergiebige Quelle für weitere Recherchen über die Kunstmalerinnen-Szene in Paris, die einzigartig in Europa und sogar der ganzen Welt war, sodass vor allem ausländische Frauen dorthin kamen. Dort gab es schon früh auf Frauen spezialisierte Ausbildungsstätten, die sog. „Damenateliers“. Auch zu privaten Kunstakademien hatten sie Zugang.
Selbst im Pariser Salon waren Künstlerinnen, wenn auch nur in begrenzter Zahl im Vergleich zu männlichen Künstlern, schon früh vertreten.
Das Rätsel, warum all meine anderen Quellen diese Kunstmalerinnen-Szene nicht mit einem Wort erwähnten, konnte ich bis heute nicht lösen. Gott sei Dank habe ich die Informationen rechtzeitig genug entdeckt, um sie sowohl in Band 1 als auch vor allem in Band 2 einfließen zu lassen.
Aber ich habe eine Hypothese, warum sie bei meinen ersten Recherchen, die ausschließlich auf männlichen Quellen beruhten, nie erwähnt wurden. Vielleicht hat sich die Verachtung gegenüber den „Malweibern“, wie die Künstlerinnen spöttisch genannt wurden, bis in diese Aufsätze und Artikel hinein fortgesetzt.
Über die Benachteiligung von Ehefrauen in Napoleons Code Civil
Wenn mir bei meinen Recherchen zu früheren Romanen der Code Civil begegnete, wurde dieses auf Napoleon Bonaparte zurückgehende Gesetzeswerk immer als absolut fortschrittlich im Vergleich zu den vorher herrschenden Gesetzen bezeichnet.
Dass es die Rechte von Frauen, insbesondere von Ehefrauen, auf eine für uns heute unerträglich erscheinende Weise beschnitt, habe ich erst bei den Recherchen zu der Montmartre-Dilogie erfahren.
Wirklich fortschrittlich waren die Ansätze, die aus der Französischen Revolution resultierten, wo die später leider hingerichtete Olympe de Gouges sogar die Gleichberechtigung von Frauen forderte. Die Möglichkeit von Scheidungen war selbstverständlich vorgesehen. Als der Code Civil 1804 in Kraft trat, wurde dies für die folgenden achtzig Jahre in Frankreich völlig ausgeschlossen. Wer einmal geheiratet hatte, saß in der Falle.
Aber auch danach blieben Frauen, sobald sie geheiratet hatten, keine selbstständigen Rechtspersonen mehr. Sie durften weder über ihr Eigentum noch über ihren Arbeitslohn verfügen, hatten keinerlei Mitspracherecht bei der Erziehung der Kinder gegen den Willen des Ehemanns und durften in Frankreich sogar straflos getötet werden, wenn der Eheherr seine Gemahlin in flagranti beim Ehebruch erwischte. Diese Gepflogenheit war mir zuletzt bei meinem historischen Roman „Blut und Seide“ begegnet, der im Mittelalter spielt.
Noch schlimmer fand ich es, dass diese Gesetze aus dem Code Civil auch im ganzen Deutschen Reich gegen den Willen der damaligen Frauenrechtsbewegungen übernommen wurden. Ableger der daraus resultierenden Bestimmungen existierten in der Bundesrepublik sogar noch bis in die SiebzigerJahre des vergangenen Jahrhunderts: Frauen durften ohne Zustimmung ihres Ehemanns weder arbeiten gehen noch ihren Führerschein machen, bis in die Sechzigerjahre hinein nicht einmal ein eigenes Konto eröffnen.